(Oder zumindest nicht nach unten)

Was im privaten Leben gilt, findet in noch extremerer Weise im Berufsalltag statt:

Das unechte Lächeln. Die Höflichkeit um jeden Preis. Die gute Miene zum bösen Spiel.

Die Etikette. Der gute Ton. Es kann mitunter schon recht hart sein, nicht aus der Rolle zu fallen. Der Durchschnittsmensch ist nicht dafür geschaffen, Haltung und Ruhe zu bewahren, wenn ihm etwas oder jemand gegen den Strich geht. Er muss sich aber dennoch dazu zwingen…

Die Beispiel-Situation

 

Bewerbungsgespräch. Wir wissen: immer schön höflich sein. Warum auch nicht. Vielleicht winkt ein neuer Job. Man hat allen Grund zu lächeln.

Der Auftraggeber in spe schlägt eine Lokalität vor. Öffentlicher Raum. Café. Das ist schon mal gut. Man ist auf neutralem Terrain. Die Voraussetzungen sind damit fairer.

Man kommt zur verabredeten Zeit. Der Auftraggeber schickt irgendwann eine SMS, dass er leider einen Termin zwischenschieben musste, also sich um eine Stunde verspäten wird. Das Lächeln wird etwas unlockerer.

Der Auftraggeber erscheint mit den Worten “Oje.” (laut zu sich selbst) und “Grüß Gott” (zum Jobbewerber, den er seit dem “Oje” mit missbilligendem Blick mustert). Man kann in seinen Gedanken lesen: “Aha, keine Krawatte, kein Sakko, unordentiche Frisur, Schuhe nicht geleckt, das ist doch kein ernst zu nehmender Businesspartner, usw.”

Das Lächeln ist spätestens jetzt wie weggeblasen. Innerlich zumindest. Äußerlich versucht man, den Schein zu wahren, was im Laufe des Bewerbungsgesprächs von Sekunde zu Sekunde schwerer fällt. Man möchte eigentlich etwas ganz anderes tun oder sagen, zum Beispiel aus dem Schimpfwörter-Lexikon zitieren, aber das verbietet die Ethik.

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Und so leidet man eben brav eine Stunde lang weiter, tut so als ob, während der Gesprächspartner auch so tut als ob und am Ende trennt man sich mit einem lächelnden “man hört voneinander.”.

Man war einander von der ersten Sekunde an unsympathisch und trotzdem wurde das Theaterstück ohne mit der Wimper zu zucken von vorne bis hinten durchgespielt von den beiden Akteuren.

 

Ein Mensch, der zu sich selbst steht, wäre in diesem Fall bereits nach der Begrüßung aufgestanden und wortlos gegangen. Ist die Berufswelt also voller Unaufrichtigkeit und Selbstverleugnung?

Es ist zu befürchten, dass dem so ist.

 

Die Berufsfröhlichkeit als erlernte Überlebensstrategie

 

Man kann in Konfliktsituationen, und gemeint ist der innere Konflikt mit sich selbst sowie den  eigentlichen Wertevorstellungen, nicht einfach wegrennen oder die Maske fallen lassen. Im Berufsalltag kommt das einem sozialen Selbstmord gleich.

Wenn man nun also davon ausgeht, dass es täglich etliche solcher Situationen gibt, denn viele Menschen arbeiten ja sogar über Jahre und Jahrzehnte hinweg gut 7-8 Stunden pro Tag mit Personen zusammen, die sie unerträglich finden, kann man sich ungefähr vorstellen, wie es hinter den lächelnden Fassaden-Gesichtern oft wirklich aussieht. Der Partner zuhause bekommt es dann nach Feierabend ab. Der oder die Arme!